Chronik
1985...............................
15 Jahre STÄDTEPARTNERSCHAFT.............................2000
HAGEN - SMOLENSK
RÜCKBLICK
Am 15.November 1985 wurde in Hagen von
Alexander Schubnjakow, dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees beim
Smolensker Stadtsowjet, und Oberbürgermeister R. Loskand die
„Vereinbarung über die Städtepartnerschaft
zwischen Hagen und Smolensk“ geschlossen. MdB Gerhard
Schüßler, damals im Rat der Stadt Hagen, erinnert
sich: Die SPD-Fraktion hatte, bekümmert über die
Raketennachrüstung, den Antrag gestellt, Hagen zur
atomwaffenfreien Zone zu erklären. Da
verfassungsgemäß der Rat der Stadt darüber
nicht befinden kann, stellte die FDP-Fraktion einen Gegenantrag: Um
etwas für den Frieden zu tun, solle eine Stadt in der
Sowjetunion gefunden werden, die ähnlich wie Hagen im Krieg
gelitten habe und wie Hagen zu großen Teilen
zerstört worden sei. Der Antrag wurde angenommen und das
Gesuch bei der sowjetischen Botschaft in Bonn eingereicht. Ein Jahr
später kam die Nachricht aus Smolensk, dass diese Stadt
Partnerin von Hagen werden wolle. Zunächst kam es
während der sog. „Zeit der Stagnation“
unter Breshnew und seinen zwei kurzzeitig als Generalsekretäre
herrschenden Nachfolgern nur zu Kontakten auf
Funktionärsebene. Das änderte sich bald unter dem
neuen Kremlchef Gorbatschow.
Die erste Gruppe, die nach Smolensk fahren wollte, war 1986
die Hagener Gruppe von Pax Christi, allerdings wurde die geplante Reise
nach dem Atomreaktorunglück von Tschernobyl abgesagt. Im Mai
kam Erzbischof Kyrill von Smolensk auf Einladung der evangelischen
Landeskirche zu einem Seminar nach Villigst. Das Ehepaar Berta u.
Günther Sauerbier nahm die Gelegenheit war und holte ihn zu
einem ökumenischen Gottesdienst und anschließendem
Podiumsgespräch ins Gemeindezentrum Helfe; so wurde der erste
Kontakt zur russisch –orthodoxen Kirche hergestellt.
Der vermutlich erste Hagener, der privat nach Smolensk gelangte, war
der Kunsterzieher am Fichte-Gymnasium Hermann Hackstein. Etwa im
Oktober 1988 war er an einer Ausstellung
der Auslandsgesellschaft Dortmund über Schulkunst in Smolensk
beteiligt und knüpfte, teilweise im Auftrag, erste Kontakte.
So hatte er im Gepäck das Gesuch von Herrn Eckervogt
(Gesamtschule Eilpe) um eine Partnerschaft mit einer Smolensker Schule.
Außerdem stellte er den Kontakt der Tanzgruppe
„Extrond“ mit dem Tanzstudio „First
Floor“ von Petra Schulte-Kölpin her. Ferner ist noch
die erste Kontaktvermittlung zu erwähnen, die das Smolensker
Kammerorchester mit Werner Körfer und sein Hagener
Kammerorchester betrifft: Das ging vom Dirigenten David Russischwili
aus. Für seine eigene Schule stellte H. Hackstein die
Verbindung zum ältesten Gymnasium in Smolensk her. Vor und
nach seiner Reise hatten intensive Kontakte mit den Betreffenden
stattgefunden u. die Partnerschaften, die damals geschaffen wurden,
blieben von Dauer. Herr Hackstein brachte noch von Smolensker
Künstlern den Wunsch nach einer Ausstellung mit: Unter der
Regie von Hajo Köhn kam diese Ausstellung 1990
in der SIHK zustande.
Schon 1989 kamen die ersten
Tänzer von Extrond nach Hagen und absolvierten bei First Floor
einen Tanz-Workshop. Diese Veranstaltung wurde mehrfach wiederholt,
auch die Hagener hatten eine vielbeachtete Aufführung im
Smolensker Stadttheater 1990.
Im Mai fuhr eine ökumenische Gruppe aus Helfe, etwa 30
Personen, unter Pastor Silberg nach Smolensk u. wurde vom Erzbischof
empfangen; im Gegenzug kam 1990 unter
Begleitung von Viktor Savik, dem Leiter des Pristerseminars, der
Kathedralenchor zu einem Konzert nach Hagen. In diesem Arbeitskreis
sind besonders Winfried Heckroth, Eckard Niemann, Anton Dicke und das
Ehepaar Sauerbier zu nennen, die seitdem immer wieder für
erfolgreiche Begegnungen und Besuche sowie Konzerte und Seminare
gesorgt haben.
Ebenfalls 1988 war eine
Verwaltungsdelegation der Stadt Hagen in Smolensk (Komba-Gewerkschaft),
dabei Bürgermeister Ludwig. Auch diese Verbindung besteht noch.
Zur Ricarda-Huch-Schule: Am 3. Oktober 1988,
bei einem Besuch des Vorsitzenden des Exekutiv-Komitees Vladimir
Kosyrew in Hagen, gab es erste Gespräche mit Vertretern der
Schule. Schon im Oktober war die erste Partnerschaft geschlossen
– vom Gymnasium Smolensk kamen die Direktorin Frau
Naperstikowa u. die Lehrerin Lena Lesnikowa, letztere seitdem in Hagen
ein häufig gesehener Gast! Im gleichen Monat besuchte Lehrer
Ulrich Kopitz Smolensk. Die erste Schülergruppe kam im Juni 1990
aus Smolensk, im August die ersten Hagener Schüler mit Uli
Kopitz u. Christa Ulrich.
Übrigens holte die Gruppe „Pax Christi“
ihren Besuch 1990 nach. Im gleichen Jahr
war eine Bürgergruppe in Smolensk, bei der sich Hajo
Köhn und Dr. Eckhoff vom Wochenkurier befanden. Ein Kontakt zu
einem Schachclub in Smolensk mit nachfolgenden Turnieren auch in Hagen
wurde bereits 1989 durch Uwe Liley
geknüpft.
Es fanden sich nach und nach mehrere Bürger zusammen, die eine
lockere „Smolensk-Initiative“ gründeten.
Von Anfang an dabei war der inzwischen leider verstorbene
Buchhändler Karlheinz Kersting. Die Federführung
hatte zunächst Hajo Köhn. Weil Spannungen mit der
Stadt auftraten, wobei es um leidige Finanzierungsfragen ging, gab Hajo
Köhn den Vorsitz der Gruppe an Frau Eva
Clostermann-Wasiltschenko ab, die bis zu ihrem Weggang 1993
die Geschäftsführung übernahm.
Bekanntlich kam es im Herbst 1990 zur
Wirtschaftskrise in der Sowjetunion, und es ging Gorbatschows Hilferuf
um die Welt. Die Deutschen fühlten sich natürlich als
erste berufen, und mit an vorderster Front dabei die Hagener. Der erste
Hilfskonvoi fuhr zu Weihnachten 1990 nach
Smolensk, mehre Lastwagen mit Spendengütern u. ein Betrag von
ca. 1,5 Mill. DM wurden von Bürgern und Institutionen
gesammelt! Federführend war damals das Amt des Rates unter
Herrn Backhaus. Ich selbst stieß zum ersten Mal dazu, als die
Stadt Hagen einen Arzt suchte, der sich in offiziellem Auftrag um die
Hilfe vor Ort, insbesondere die Feststellung des Hilfsbedarfs,
kümmern sollte. Es war eine unvergessliche Woche im Januar 1991.
Ich hatte es mit dem zuständigen Mitarbeiter für die
Krankenhäuser Herrn Lebedew zu tun, der der Dezernentin Frau
Prudnikowa unterstellt war. So etwas hatte ich noch nirgendwo gesehen:
vollständig leere Geschäfte in der gesamten
Innenstadt von Smolensk, außer Brot absolut nichts zu kaufen!
Nebenher konnte ich einige neue Kontakte vermitteln. Nach der
Besichtigung mehrerer Krankenhäuser vereinbarte ich mit dem
Rektor der Medizinischen Hochschule einen Besuch einer
Ärztegruppe in Hagen, später auch von
Medizinstudenten zu einer Famulatur in Hagen. Beide Treffen wurden 1992
bzw. 1993 in Hagen durchgeführt
mit Beteiligung des Hagener Ärztevereins; leider blieb aber
bis heute ein Gegenbesuch des Ärztevereins aus. Diese Aufgabe
wurde aber dann von Herrn Karl-Heinz Böhm vom Gesundheitsamt
Hagen in Verbindung mit dem Evangelischen Krankenhaus Haspe
weiterverfolgt, so war in diesem Herbst eine Gruppe von
Medizinstudenten erneut am Hasper Krankenhaus. Vergeblich habe ich
versucht, eine Smolensker Schule mit dem
Albrecht-Dürer-Gymnasium zusammenzubringen; als alles
eingefädelt war, hat das Lehrerkollegium des AD in letzter
Minute das Treffen abgesagt und die Schule sucht noch heute.
Erfolgreicher war mein Vorschlag an die Deutsch-Dozentinnen Dr. Larissa
Njubina u. Dr. Larissa Borissenkowa, mit der Fernuniversität
zu kooperieren. Im Sommer 1991 waren die
beiden Damen zusammen mit dem Schuldezernenten Sergej Sacharenkow bei
Freunden und mir in Hagen; inzwischen wurde dann ja ein Studienzentrum
der Fernuniversität Hagen in Smolensk eingerichtet. Einem
Kindergarten für Kinder mit Hörschäden
konnte bei einer Aktion im Sommer 1992
geholfen werden: Alle Kinder wurden eingeflogen und mit neuen
Hörgeräten versorgt, die Lehrerinnen mit technischen
Geräten für den Unterricht. Auch die Konvois liefen
bis weit in da Jahr 1991 hinein.
Überhaupt war 1991 ein
erfolgreiches Jahr für die Städtepartnerschaft. Das
Hagener Kammerorchester spielte im Sommer in Smolensk. Claudia Niemann
arbeitete als Medizin - Famulatin im September im Gebietskrankenhaus.
Im Oktober fuhr eine VHS-Gruppe nach Smolensk, im November war eine
Gruppe Lehrerinnen hier. In der Folge sorgten Anton Dicke u. Frau
Cordes von der Katholischen Akademie Schwerte für
Lehrgänge in Deutsch u. Kultur, die immer noch von Zeit zu
Zeit stattfinden. Zur Jahreswende 1991/1992
war ich mit Freunden zu einem Gegenbesuch in Smolensk, wo weitere
Kontakte hergestellt wurden: so z.B. zum Kammertheater; eine Einladung
nach Hagen kam aber zur Enttäuschung der Schauspieler nicht
zustande, weil Viktor Simin u. sein Theater Dialog das Rennen machten
und in der Folgezeit öfter in Hagen gastierten, dank eines
tatkräftigen Förderkreises um Klaus Beermann, zu dem
sich als Dramaturg auch Dr. Hans Gerd Weinand gesellte. Die Arbeit der
Konvois konnten wir Silvester 1991 vor
Ort selbst erleben. Im Auftrag der Stadt wurde diese Hilfe von Adolf
Hoch u. Galina Juswenko begleitet. Durch Larissa Njubina lernten wir
damals den Maler Wsewolod Lissinow kennen, dem in der Folgezeit, zum
ersten Mal 1995, Ausstellungen seiner
Bilder in Hagen ermöglicht wurden. Auf der anderen Seite war
der Hagenring aktiv und sorgte zwei Mal für Ausstellungen
Smolensker Kollegen.
Es war seit langem klar, dass der Smolensk-Initiativkreis bei den rasch
wachsenden Kontakten und Zunahmen der Aufgaben nicht mehr ausreichte.
Eine neue Organisationsstruktur musste her, um auch die finanziellen
Probleme zu lösen. So haben meine Freunde und ich sanften
Druck ausgeübt, und schließlich kam im Januar eine
Satzungskommission zustande, an der Bruno Preuschoff, Michael Winnen,
Eckard Niemann u. ich mitwirkten. Die Gründungsversammlung hob
schließlich am 17.02.1992 den
„Verein zur Förderung der
Städtepartnerschaft Hagen-Smolensk e.V. aus der Taufe.
Vorsitzende wurde Frau Eva Clostermann-Wasiltschenko, Stellvertreter
Hajo Köhn, Schriftführer Michael Winnen, Kassenwart
Bruno Preuschoff u. Beisitzer meine Wenigkeit. Die
Vereinsgründung unterzeichneten nur etwa 35 Mitglieder, aber
die Zahl wuchs binnen Jahresfrist auf über 100. Auch in
Smolensk wurde ein entsprechender Verein von Michael Martschenkow,
Valerij Kowaljow, Viktor Savik u. vielen anderen auf die Beine
gestellt. Das Jahr 1992 war noch
erfolgreicher; man kann die Aktivitäten kaum noch
aufzählen. Als wichtigste seien herausgegriffen: Die
Konzertreise des Hagener Kammerorchesters, ein Wirtschaftspraktikum
für Studenten der Hochschule für Energetik in
Smolensk (Prof.Valerij Gruschenko), durch Adolf Hoch und den ASB,
danach fast parallel angefangen und als Dauereinrichtung
durchgeführt durch Michael Winnen und die Wirtschaftsjunioren
mit der SIHK u. der Fernuniversität, der Besuch von
Dozentinnen der PH Smolensk am Hagener Lehrerseminar, betreut von Dr.
Weinand; die Hilfe für alte Menschen in Smolensk, eingerichtet
von Marlies Döring; den Besuch der Ärzte aus
Smolensk; Besuche von Schülern aus Smolensk bei ihren
Partnerschulen (GS Eilpe, Ricarda Huch). Weiter ging es 1993
in Hagen: Konzert des Kammerorchesters, Teilnahme des Smolensker
Volksorchesters am Boeler Karnevalszug, wobei sich Sepp Moritz u. Herr
Schneider vom Karnevalsverein besonders bemühten.
Wegen der erheblich gestiegenen Arbeitsbelastung reichte die
Arbeitskraft des Vereinsvorstands nicht aus, und es wurden
Arbeitsgruppen gebildet.: Für humanitäre Hilfe Dieter
Maxisch u. Adolf Hoch, für Schulpartnerschaften Herr
Köster u. Frau Gabriele Bach, für Soziales Herr
Wolfgang Röspel, Ökumenischer Arbeitskreis:
Günter Sauerbier, Eckhard Niemann u. später Winfried
Heckroth, Musik Helmut Höfner, Tanz u. leichte Muse Petra
Schulte-Kölping, Medien Alfons Hanke, Handwerk Werner
Plöger, Industrie Michael Winnen, Sport Uwe Paul,
Studentenaustausch Anton Dicke, Ärzteaustausch ich selbst,
Kultur Arndt Hartmann, Transport Herr Thelen, Schachclub Uwe Liley,
Dolmetschen Eva Clostermann-Wasiltschenko. Zahlreiche weitere Vorhaben,
die nicht immer im Verein angesiedelt waren, entstanden damals
spontan.Im Sommer trat Eva Clostermann-Wasiltschenko vom Vorsitz
zurück, weil sie aus beruflichen Gründen nach Odessa
umzog. Bis zur ordentlichen Wahl 1994
übernahm ich kommissarisch das Amt des Vorsitzenden. Danach
wurde der gesamte Vorstand ausgewechselt: als Stellvertreter stand mir
Burkhard Flüß zur Seite, Schriftführerin
Gertrud Deelmann, die in der Folgezeit eine neue Schulpartnerschaft
gründete, Kassierer Arndt Hartmann, Beisitzer Marlies Doering,
die den Verein als stellvertretende Vorsitzende des
neugegründeten Städtepartnerschaftsvereins Hagen
vertrat. In die Amtszeit des neuen Vorstands fiel das erfolgreichste
Ereignis in der Geschichte der Städtepartnerschaft: Die
Festlichkeiten zum 10-jährigen Bestehen der Partnerschaft vom
02.-12.03.1995 sowie ein Besuch
sowjetischer Kriegveteranen zum 50. Jahrestag des Kriegsendes. Es fand
eine Woche russische Kultur mit zahllosen Veranstaltungen statt, die
hier gar nicht alle geschildert werden können und dem
Pressespiegel des Kulturamts zu entnehmen sind (ein ganzes Heft), u.a.
ein ökumenischer Gottesdienst, ein Konzert des
Kathedralenchors, ein Auftritt des Theaters Dialog, Rockkonzerte mit
russischen Musikern, u.a. beim Freundschaftsfest im Werkhof. Eine ganze
Bäckerei wurde nach Smolensk transportiert und erfreut seitdem
die Partnerstadt mit deutschen Backwaren. Im Gegenzug war unser
Oberbürgermeister am 8.Mai in Smolensk.
Die nächste Amtsperiode des Vorstands 1996-1998 blieb ich nur
noch die halbe Zeit im Amt, das ich wegen beruflicher u.
familiärer Überlastung im Februar 1997
aufgab. Mein Nachfolger wurde Hans-Joachim Geisler, während
die übrigen Vorstandsmitglieder blieben: Volker Schwiddessen
als Stellvertreter, Gertrud Deelmann als Schriftführerin,
Wolfgang Warmer als Kassierer, Marlies Doering als Beisitzerin. Dieser
Vorstand wurde 1998
wiedergewählt. Zahlreiche neue Projekte wurden entworfen u.
verwirklicht, zuletzt in Zusammenhang mit der WP die Versorgung von
Invaliden mit Rollstühlen. Als jüngste Partnerschaft
kam die der Schule Nr.5 mit der Mittelschule Altenhagen zustande. Eine
Tendenz ist jedoch bereits erkennbar: Es geht hin zu zahlreichen
Privatkontakten u. Einzeleinladungen. Vieles findet außerhalb
des Vereins seinen Weg. Wir sollten darüber nicht
betrübt oder gar eifersüchtig sein. Ich bin sehr
zuversichtlich, dass mit zunehmender Normalisierung immer mehr
Bürger den Weg in die jeweiligen Partnerstädte finden
werden. Es bleibt noch viel zu tun!
Dr. Reinhold Busch